Tag 1 

Die Ankunft 

„Nein, die Klinik liegt nicht in der Innenstadt“, sagt die freundliche Taxifahrerin. Das Haupthaus der Klinik, ja - das sei mittendrin, aber ich möchte ja zur neurologischen Klinik und die sei nun mal weit weg am Stadtrand. „Das haben Sie wohl verwechselt.“ Ja, hab ich dann wohl. Wir fahren durch ganz hübsche, aber langweilige Wohngebiete, fahren am Schützenhof vorbei und dann sind wir da. „Was kann man denn hier abends - nach den Behandlungen - so unternehmen?“, frage ich die Taxifahrerin. „Nichts!“, sagt sie und drückt mir meinen Koffer in die Hand. „Ich  wünsche Ihnen eine gute Zeit.“ „War das jetzt ironisch gemeint?“, frage ich mich, während ich durch die automatische Glastür ins Foyer der Klinik trete. Da bin ich. Das wird jetzt 4 Wochen mein Zuhause. 


Ich schaue mich um. Rechts die Rezeption. Links eine Pinnwand mit Essensplan und aktuellen Informationen. HEUTE ABEND ROSENMONTAGSFEIER IM ERGORAUM 069! lese ich. Im Hintergrund stehen einige ältere Damen mit Rollatoren. „Ob sich da schon der Zug formiert?“, denke ich und gehe durch die Halle zur Rezeption. Dort schickt man mich weiter ins Aufnahmezimmer, wo ich von einer fröhlichen, braungebrannten („Erster Tag heute - war bis gestern auf den Kanaren.“) Dame begrüßt werde. „Formulare müssen ausgefüllt werden. Wo sind die bloß - vor'm Urlaub lagen die noch in der hellblauen Kiste.“ Ich kann nicht helfen, bin aber geduldig. 
Zwischendurch kommt ein junger Mann herein, schnappt sich einige Ordner und verschwindet wieder. Er trägt schwarze Schuhe, einen schwarzen Anzug und einen schwarzen Schlips. Ich bekomme einen Riesenschreck, spare mir die Frage: „Haben Sie hier 'n eigenen Bestatter?“, aber für später auf. Die gerade von den Kanaren Kommende überreicht mir den Schlüssel: „Station 1A. Zimmer 144. Schönen Aufenthalt!“ Ich bestätige noch ihre abschließende Bemerkung, dass so ein Spanien-Urlaub immer viel zu schnell vorbei geht und mache mich auf den Weg in den ersten Stock. 

Das Zimmer ist - hm - wie soll man sagen...sonnig...„Immerhin“, denke ich, „immerhin sonnig und die Möbel, die sehen aus wie Möbel in so einer Klinik eben aussehen.“

Es passiert nicht viel an diesem ersten Tag. Einige Therapeuten kommen zu sogenannten Aufnahmegesprächen vorbei. Immer neue Formulare. Die Fragen ähneln sich. Am späten Nachmittag bringt die Stationsschwester eine Karaffe mit Wasser: „In ihrem Alter schon Parkinson - ist auch nicht schön, oder?“ „Nö.“

Um 19:30 Uhr geht die Rosenmontagsfeier los. Rosenmontagsfeier im Ergoraum einer neurologischen Klinik in Schleswig Holstein: Mehr geht nicht. Ich schaue mir das Treiben einige Minuten von außen durch die Glastür an und entscheide mich dann für einen ruhigen Abend. Ich gehe zurück in mein nun nicht mehr sonniges Zimmer. 

„Ob die in Köln in der neurologischen Klinik auch Hafengeburtstag feiern?“, frage ich mich und schlafe mit einem mulmigen Gefühl ein.